Dienstag, 13. Mai 2014

Das ist nicht wurst: der European Song Contest als hate session.


Trocken nordisch analysiert, läßt sich der Sieg der Wurst bei dem European Song Contest recht einfach erklären.

Conchita verfügt über eine bemerkenswert kraftvolle, warme Stimme und hat offenkundig eine professionelle Gesangsausbildung absolviert. Wer genau hinhört, wird feststellen, daß schon Conchitas Gesangsstil reine Travestie ist. Vor wenigen Jahren trat die Wurst noch als Tom Goldfinger auf. Conchita imitierte die Sängerin des Titelsongs von Goldfinger, Shirley Bassey, sie beherrscht diese Technik fast perfekt, wie hier zu hören ist.

Der Song ist Dutzendware. Es handelt sich bei "Rise like a Phoenix" offenhörlich um die Filmmusik zu einem imaginären James-Bond-Film. Folgerichtig für einen Mann, der sich als Wiedergeburt von Shirley Bassey sieht. Bond-Titel-Songs sind stets nach einem einfachen Strickmuster gewirkt, teilweise sind die Bond-Titel nach der Methode des cut and paste zusammengeschustert, die Urheberrechtsstreitigkeiten um die Bond-Musiken sind jedem musikhistorisch Interessierten bekannt.

Um aus dem Einheitsbrei des Irgendwie-schon-mal-Gehörten herauszustechen, bedurfte es, wie Politiker es nennen würden - und Conchita denkt politisch - eines Alleinstellungsmerkmals. Auch der Auftritt als Transe hätte da nicht genügt, denn Transen sind nicht zum ersten Mal bei ESC-Wettbewerben aufgetreten.

Dieses Alleinstellungsmerkmal war zum ersten die Präsentation einer doppelten Perversion. Ein Mann, der singt wie eine Frau (Shirley Bassey), der sich kleidet wie eine Frau, aber einen Bart trägt wie ein Mann. Einzigartig. Werbetechnisch perfekt.

Zum zweiten war es die Selbstinszenierung als Rächerin der Unterdrückten, der angeblich diskriminierten Schwulen und Lesben, Conchita lieferte die perfekte melodramatische Inszenierung des verlogenen Betroffenheitskults der angeblich Benachteiligten, die in Wahrheit die Unterstützung des Juste Milieu genießen.

Zum dritten war es offenkundig massive politische Einflußnahme. Conchita mußte sich in Österreich keiner Auswahl stellen. Sie wurde durch das ORF ohne Wettbewerb ausgewählt, eine späte Folge der etatistischen Konstruktion des ESC, der seit seiner Gründung im Jahre 1951 als Grand Prix Eurovision de la Chanson von den staatlichen "Landesrundfunkanstalten" dominiert wird, den Staatssendern also. Denen ist es selbst überlassen, wie sie ihre Kandidaten auswählen. Der ORF entschied sich erstmals seit 1951 für eine schlichte Benennung. Angesichts der unübersehbaren politischen Dimension der Kandidatur ein kultureller coup d`état.

Zum vierten wurde Die Wurst durch den politisch-medialen Komplex massiv aufgebaut. Keine Zeitung, keine Zeitschrift, kein Sender, der nicht im Vorfeld über die bizarre Kandidatin berichtete, über ihren Mut, über ihren Symbolwert als Ikone von "Akzeptanz" (die Phase der bloßen Toleranz ist medial eindeutig überwunden), Frieden und Freiheit.

Zum fünften hätte der Wurst nichts Besseres passieren können, als der Konflikt zwischen der EU und Rußland über die Ukraine. Jetzt war sie auch noch das Symbol des "freien, toleranten Westens" gegen das "homophobe, autoriäre und imperialistische" Rußland. Wer sich die Show reingezogen hat, wer die Kommentare der Moderatoren gehört hat, die Buh-Rufe oder Beifallskundgebungen der Meute (ich lehne es ab, hier einfach von Zuhörern zu sprechen) wird den kriegerischen Unterton nicht überhört haben.

Die Voten aus dem katholischen Irland, dem katholischen Polen und dem orthodoxen Rußland wurden durch den ARD-Moderator mit hörbarem "Aha"aufmerksam registriert, so als ginge es um einen Fortschrittsbericht hinsichtlich der Déchristianisation des europäischen Kontinents. Der Pöbel - wie soll man ihn anders nennen - buhte bei jedem Votum für die beiden russischen Mädels, denen nun ja im Gegensatz zur Wurst gerade keine politische Parteinahme vorzuhalten war.

Abgesehen von der aggressiven kulturellen, religiösen und politischen Zielrichtung dieser Bewerbung gruselt mich die Namenswahl noch in besonderer Weise. Die Bedeutung des Namens Conchita dürfte auch einem nur angeblichen Südamerikaner bekannt sein. Der Vorname leitet sich ab von Concepción, dem Fest der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau und Gottesmutter Maria am 8. Dez. Daß eine Person die aggressiv die Agenda der lesbischwulen Community vertritt, sich einen Vornamen gibt,  der auf ein hochkatholisches Fest, vielleicht das hochkatholischste und mit Sicherheit umstrittenste Fest der Kirche hinweist, halte ich für eine bewußte Provokation.

Daß Wurst auf Hanswurst anspielt, wird Tom Goldfinger vielleicht nicht bekannt sein. Aber wir sind ja nicht nur für unser bewußtes Handeln verantwortlich, sondern - seit Freud - auch für unser unbewußtes. Hanswurst ist wie sein Vetter Harlekin eine diabolische Theaterfigur. Sie repräsentiert den Widerspruch gegen die Ordnung. In Karnevalsspielen steht sie für das karnevalistische Thema der civitas diaboli. Man kann sich den Hanswurst wie den Harlekin durchaus mit Hörnern vorstellen wie eine andere Figur der commedia dell´arte, die Colombina diavolo. Der Hanswurst war in der Zeit seiner Entstehung keineswegs das harmlose Kasperle, das sich auf den Hanswurst bezieht, der Hanswurst ist Teil des Dualismus des Guten und des Bösen, der das mittelalterliche Theater und den Karneval beherrscht. Im Zuge der Theaterreform der Aufklärung verschwand diese Figur, das diabolisch-anarchische an dieser Figur war den Theaterreformern ein Dorn im Auge, das kleine Teufelchen mutierte zum lieben Kasper oder behielt seinen mörderischen Charakter in der englischen Punch and Judy Show.

Das feuerrote Bühnenbild habe ich nicht als Phönix erkannt, sondern als die Schwingen des Roten Drachen, aber das ist möglicherweise ja mein Problem.

Ich hatte am Samstag abend spät in der Nacht, nicht den Eindruck, einem Song-Contest beigewohnt zu haben, sondern einer hate-session.

Kommentare:

  1. Großartig! Mal wieder voll getroffen und alles gesagt!

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  2. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  3. Noch mal von vorn:
    Sehr gute, großartige Analyse eines Horrorabends mit Ansage. Nicht mehr Volksbelustigung (Brot & Spiele) sondern Volkserziehung mit dem ideologischen Holzhammer.

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