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Dienstag, 27. Mai 2014

Europawahlen: Lechts und rinks

Wie - so frage ich mich in solchen Momenten stets - hätte wohl G.K. Chesterton, notabene Hilaire Belloc - zusammengefaßt also Chesterbelloc - das Ergebnis der Europawahlen kommentiert?

In einer fiktiven Zeitung des Chesterbellocism häte man ganz gewiß nicht die Schlagzeile gelesen, daß "die Rechten" die Wahlen gewonnen haben. Denn - siehe den Wahlsieg der unverblümt linkskommunistischen Syriza in Griechenland - auch die "Linken" haben natürlich die Wahl gewonnen. Die Rechten haben sie natürlich nicht gewonnen, denn unter diesen Rechten - siehe das Wahlprogramm der FN - finden sich reichlich Linksrechte oder auch Rechtslinke, die ein dezidiert linkspaternalistisches Programm verfechten, von der Neugewinnung der Macht eines nationalen Staates, der sich gefälligst sein eigenes Geld druckt, bis zu den sattsam bekannten und regelmäßig gescheiterten "Beschäftigungsprogrammen", die ja eigentlich Entschäftigungsprogramme heißen müßten.

Der "konservative" Kandidat der moderaten "Rechten", Jean Claude Juncker, war in Wahrheit seinem "progressiven" Gegenkandidaten so verwechselbar ähnlich, daß die Namen der Kandidaten von böszüngigen Menschen, zu denen ich mich unbedingt zähle, zu Julz oder Schuncker verballhornt wurden. In Wahrheit war doch die ganz ganz ganz große Koalition angetreten, bestehend aus  den Linkskonservativen, den Linksliberalen, den Linksgrünen, den Linkssozialdemokraten, den Linkssozialisten auf der einen gegen die Rechtslinkskonservativen, die Linksrechtsnationalisten. die Rechtslinksliberalen und Linkslinkslinken.

Wie hätte Chesterton diesen Wahlkampf oder dieses Wahlergebnis kommentiert? Schwierig zu sagen, denn die von Chesterton entworfenen literarischen Figuren Hudge (der Linksproletarianist) und Gudge (der Rrchtsproletarianist) unterschieden sich ja immerhin in Programmatik und Rhetorik, was man von Julz und Schuncker nun gewiß nicht sagen kann. Wahrscheinlich könnten die beiden selbst nicht erklären, warum sie sich selbst, und nicht den anderen wählen würden.

Doch das ganze ist eigentlich nur die Kulmination einer Angleichung der sozialistischen Linksrechten und sozialkapitalistischen Rechtslinken, die schon vor mehr als hundert Jahren, als Chesterton sein "What´s wrong" (1910) schrieb, mehr miteinander zu tun hatten, als sie sich selbst bewußt machten. Nur das Gudge ein bißchen umgänglicher geworden ist, und schon längst die Segnungen des welfare state als die Voraussetzung seiner eigenen Wohlfahrt erkannt hat.

Stellen wir uns Hudge and Gudge in den Worten Chestertons kurz vor:
There is, let us say, a certain filthy rookery in Hoxton, dripping with disease and honeycombed with crime and promiscuity. There are, let us say, two noble and courageous young men, of pure intentions and (if you prefer it) noble birth; let us call them Hudge and Gudge. Hudge, let us say, is of a bustling sort; he points out that the people must at all costs be got out of this den; he subscribes and collects money, but he finds (despite the large financial interests of the Hudges) that the thing will have to be done on the cheap if it is to be done on the spot. He therefore, runs up a row of tall bare tenements like beehives; and soon has all the poor people bundled into their little brick cells, which are certainly better than their old quarters, in so far as they are weather proof, well ventilated and supplied with clean water. But Gudge has a more delicate nature. He feels a nameless something lacking in the little brick boxes; he raises numberless objections; he even assails the celebrated Hudge Report, with the Gudge Minority Report; and by the end of a year or so has come to telling Hudge heatedly that the people were much happier where they were before. As the people preserve in both places precisely the same air of dazed amiability, it is very difficult to find out which is right. But at least one might safely say that no people ever liked stench or starvation as such, but only some peculiar pleasures entangled with them. Not so feels the sensitive Gudge. Long before the final quarrel (Hudge v. Gudge and Another), Gudge has succeeded in persuading himself that slums and stinks are really very nice things; that the habit of sleeping fourteen in a room is what has made our England great; and that the smell of open drains is absolutely essential to the rearing of a viking breed. 
But, meanwhile, has there been no degeneration in Hudge? Alas, I fear there has. Those maniacally ugly buildings which he originally put up as unpretentious sheds barely to shelter human life, grow every day more and more lovely to his deluded eye. Things he would never have dreamed of defending, except as crude necessities, things like common kitchens or infamous asbestos stoves, begin to shine quite sacredly before him, merely because they reflect the wrath of Gudge. He maintains, with the aid of eager little books by Socialists, that man is really happier in a hive than in a house. The practical difficulty of keeping total strangers out of your bedroom he describes as Brotherhood; and the necessity for climbing twenty-three flights of cold stone stairs, I dare say he calls Effort. The net result of their philanthropic adventure is this: that one has come to defending indefensible slums and still more indefensible slum-landlords, while the other has come to treating as divine the sheds and pipes which he only meant as desperate. Gudge is now a corrupt and apoplectic old Tory in the Carlton Club; if you mention poverty to him he roars at you in a thick, hoarse voice something that is conjectured to be "Do 'em good!" Nor is Hudge more happy; for he is a lean vegetarian with a gray, pointed beard and an unnaturally easy smile, who goes about telling everybody that at last we shall all sleep in one universal bedroom; and he lives in a Garden City, like one forgotten of God.
Bleibt die spannende Frage, wie Chesterbelloc denn gewählt hätten, hätte man sie unglücklicherweise in unser heutiges Zeitalter verbannt. Die ist nun nicht zu beantworten. Leicht zu beantworten wäre die Frage, was Chesterbelloc nicht gewählt hätten. Weder Hudge noch Gudge, womit denn Sozialisten, Kommunisten, aber auch Christdemokraten, Konservative und und Linksliberale ausscheiden aus der engeren Wahl. Hilaire Belloc war nun Mitglied und Parlamentarier der Liberal Party, als diese noch eher die Gestalt der alten Whig-Party als die der heutigen sozialliberalen LD hatte. Von den heutigen Sozialliberalen hätte sich Belloc mit Grausen abgewandt.

Chesterton und Belloc wären wohl am vergangen Donnerstag, als in Great Britain gewählt wurde, zu Hause geblieben.

Donnerstag, 1. August 2013

1. August 2013: das Ende des Proletariats.


An der Wahl des Begriffs "Proletarier" läßt sich nachvollziehen, daß der Erfinder dieses Wortes ein klassisch gebildeter Mensch war. Marx, der die lateinische Sprache wie alle Gebildeten seiner Zeit  in Wort und Schrift fließend beherrschte, wußte, daß nach dem Census der Römischen Republik Bürger mit einem Vermögen von weniger als 11.000 Assen nicht mit ihrem Vermögen, sondern mit ihren Kindern registriert wurden.

Die Proletarier waren, etwas vereinfacht gesagt, freie römische Bürger, deren einziger Reichtum, deren einziges Eigentum ihre Kinder waren. Marx, der Menschenfreund, wollte aber nun dem eigentumslosen Arbeiter bekannterweise nicht zu Eigentum verhelfen, vielmehr wollte er dem freien Proletarier auch noch das letzte Eigentum entziehen, daß ihm nach seiner Enteignung verblieben war: seine Kinder. Unter den 10 Artikeln des "Kommunistischen Manifests" findet sich als zehnter die "öffentliche und unentgeltliche Erziehung aller Kinder."

In Engels Entwurf für das Kommunistische Manifest hieß es übrigens noch wesentlich klarer und radikaler:
Erziehung sämtlicher Kinder, von dem Augenblicke an, wo sie der ersten mütterlichen Pflege entbehren können, in Nationalanstalten und auf Nationalkosten. Erziehung und Fabrikation zusammen.
Es ist also nun erreicht. Seit dem 1. August gibt es den Anspruch auf einen Krippenplatz nach dem ersten Geburtstag des Kindes. Das sozialistische Paradeis ist nun angebrochen. Auch wenn gegen den heftigen Widerstand insbesondere der journaillistischen Klasse den letzten widerständigen Proletariern ein Almosen von beeindruckenden hundert Euro (Erziehungsgeld, in politisch korrektem Newspeak Herdprämie) gewährt wird - daß nach dem erhofften Wahl-Sieg der Vereinigten Parteien der Arbeiterklasse selbstverständlich abgeschafft werden wir - so wird die "öffentliche und unentgeltliche Erziehung" mit dem faktischen Arbeitszwang für beide Eltern bald Realität sein.

Tausend Euro wird ein Krippenplatz kosten. Kein Problem, denn dieses Geld zahlen ja dann die Eltern mit ihren Steuern, deren Höhe gleichzeitig dazu führt, daß das Einkommen nur eines erwachsenen Familienmitglied nicht mehr ausreicht, um eine Familie zu ernähren. Wer hätte gedacht, daß eine christlich-liberale Regierung erreicht, was Marx-Engels erträumten.

Dem gemeinen Volk wird es indessen ganz mulmig. Die Zahl derer, die sich vor der Familiengründung - zu Recht - fürchten, weil sie schwere wirtschaftliche Probleme befürchten, wenn sie sich auf dieses Wagnis einlassen ist dramatisch gestiegen. Die Zahl derer, die die hohe finanzielle Belastung als Grund dafür ansehen, daß so wenig Deutsche "Familie wagen", ist binnen nur eines Jahres von 58% auf 67 % gestiegen. Wer sich die unsägliche "Herdprämien"-Polemik der journaillistischen Klasse in Erinnerung ruft, kann nachvollziehen, warum die Angst vor der Familiengründung gewachsen ist. Eines hat die Debatte jedenfalls bewirkt: allen ist nun klar, daß sie nach der Geburt eines Kindes in DIESEM Land auf staatliche Hilfe angewiesen sind.

Die Staatsquote - der Anteil des Staates am wirtschaftlichen Geschehen - ist wieder im Steigen begriffen. Grund ist unter anderem die massive Vermehrung der in staatlichen Kinderbetreuungseinrichtungen Beschäftigten.

Dienstag, 30. Juli 2013

Kapitalismus, Sozialismus, Katholizismus und Erdbeeren.


Was haben Erdbeeren mit der, wie Chesterton wohl sagen würden proletarianischen Verfassung unserer Gesellschaft zu tun? Eine ganze Menge, würde ich sagen.

Zunächst einmal zu den olfaktorischen und gustatorischen Fakten; wer auf dem Wochenmarkt, im Supermarkt oder auch beim Spargel- und Erdbeerhändler Erdbeeren kauft, wird - jedenfalls dann, wenn er sich an den Geschmack der Erdbeeren aus Großmutter Garten erinnert - nur noch leise Erinnerungen an Erdbeere schmecken. Geruchslos und geschmacklos kommen sie daher, unsere Erdbeerdarsteller. Sie sind groß, rund und relativ billig. Im Frühjahr stammen sie aus Italien und Spanien, sie haben also ein lange Reise hinter sich, und sie schmecken auch danach. Was da noch an Restaroma auf dem Feld vorhanden gewesen sein mag, ist auf der langen Reise längst verloren gegangen.

Wer aber sich ein paar Wochen später auf die Herkunftsbeschreibung "Erbeeren aus der Region" verläßt, wird ebenso enttäuscht werden. Überall werden in Europa die selben Sorten hergestellt. Sie haben vor allem folgende Eigenschaften: hoher Ertrag, lange Haltbarkeit, Härte und Transportfähigkeit. Ideal für eine Gesellschaft, wo die meisten Menschen ihre Brötchen als Angestellte oder Beamte verdienen, in Mietskasernen wohnen, oder, wenn sie schon ein Haus mit Garten besitzen, keine Zeit mehr haben, in ihrem Garten etwa Gartenfrüchte anzubauen.

Wir mühen uns gerade darum, den Pfarrgarten unsere Gemeinde wieder in einen Garten zurückzuverwandeln, wie er wohl irgendwann mal ausgesehen haben muß. Es gab wohl Blumen, ein alter Kirschbaum steht noch, ein paar Johannisbeeren und ein Apfelbaum. sowie ein prachtvoller Holunder. Irgendwann einmal wurde die pflegeintensive Bepflanzung beseitigt, und durch die "Flora" ersetzt, die wir als pflegeleichte Bepflanzung von Friedhöfen und Parkanlagen kennen: Kirschlorbeer, Cotoneaster, Eibe, Weißdorn.

Und noch eine Phase später holte sich die Natur den Garten zurück; wilde Kirschen haben sich ausgebreitet und ein ganzes Wäldchen gebildet, Brombeeren wuchern überall, Efeu erstickt alles, was noch an Gartenpflanzen vorhanden war.

Auch die Gärten rings um den Pfarrgarten sehen - von der Verwilderung abgesehen - nicht anders aus. Die meisten folgen dem TTG-Gestaltungsprinzip: Thuja, Tennisrasen, Gartengrill.

Zurück zu den Erdbeeren: Ich kann mir nicht vorstellen, daß meine Tante, eine Bäurin von echtem Schrot und Korn, deren gewaltige Süßkirschenbäume ich als Kind mit selbstkonstruierten Höllenmaschinen geschützt habe, ein Gewächs wie die "Elsanta" angebaut hätte. Meines Wissens wars die Senga Sengana. Wohlschmeckend, wenn auch nicht zu, relativ kleine Beeren, die ideale Sorte für den Wochenmarkt mit regionalen Früchten, heute völlig aus der Mode. Aber die kann man nicht grün pflücken, und hunderte Kilometer zum nächsten Supermarkt schicken, wo sie blaßrosa und garantiert geschmacksfrei dem frustrierten Konsumenten angeboten werden.

Welche Erdbeeren hat wohl Gilbert Keith Chesterton gegessen? Ich weiß es nicht, aber es wird wahrscheinlich ein Gewächs gewesen sein, daß der deutschen "Königin Luise" oder vielleicht der "Frau Mieze Schindler" entsprochen hat. Sehr aromatisch, nicht einfach anzubauen, aber geschmacklich unerreicht. Völlig ungeeignet zum Zweck der kapitalistischen Ausbeutung, weil sich die Früchte dieser Erdbeeren innerhalb eines Tages - fast schon auf dem Weg vom Beet zum Müsli - in Erdbeermatsch verwandeln.

Völlig geeignet aber für die Darstellung der Vorzüge der Gesellschaft, für die die katholischen Politiker Chesterbelloc gekämpft haben - eine Gesellschaft der kleinen Eigentümer, die zunächst für sich selbst, für ihre unmittelbare Umgebung, oder für die nächste Stadt produzieren.  "Small ist beautiful" ist der für meinen Geschmack sehr mißverständliche Titel des berühmten Buches von E.F.Schumacher. Chesterton hätte bestimmt was Besseres gefunden. Und er hätte in E.F.Schumacher einen Geistesverwandten erkannt, der sich - mit Recht - auf Leo des XIIIten berühmte Enzyklika rerum novarum berufen durfte. Small ist nicht nur beautiful. Sondern eben auch effizient, oder, um zur Erdbeerfrage zurückzukommen, aromatisch.

Über die Entwicklung der Erdbeersorten hier ein interessanter Film des BR, über die "Königin Luise".

Welche Sorte wir im Pfarrgarten pflanzen werden? Elsanta wird es nicht sein. Zumal sich einige Erdbeerzüchter mittlerweile zur "Elsanta-freien Zone" erklärt haben. Bestimmt eine Erdbeere, die Gilbert Keith Chesterton goutiert hätte. Mieze Schindler ist wieder zu haben, ebenso wie Königin Luise, interessanterweise deshalb, weil sich die beiden Sorten in der sozialistischen DDR in den kleinen Exklaven "bürgerlicher" Privatheit erhalten haben.