Mittwoch, 7. August 2013

Veggie-Day: Meine Tante Grete und das hygienische Zuchthaus

Pieter Bruegel: Veggie-Day auf dem Lande
Ich versuche mir gerade vorzustellen, was meine Tante Grete wohl zur Einführung eines Veggie-Days gesagt hätte. Oder was sie wohl zum grünen Bundestagsprogramm gesagt hätte, in dem das gefordert wird. Ich glaube nicht, daß ich mit ihr einen Programmpunkt wie den der Einführung der Homo-Ehe hätte auch nur ansatzweise diskutieren könnte. Tante Grete war nicht gewalttätig, das nein, sie überließ das Ohrfeigenverteilen ihrem Ehemann.

Auch Onkel Peter war nicht eigentlich gewalttätig. Es genügte eigentlich, sich vorzustellen, welche Wirkung eine von einem Zimmermann ausgeteilte Ohrfeige haben könnte. Der Vorschlag, einen Veggie-Day einzuführen, wäre jedenfalls durch unlösbare ökonomische Sachzwänge vereitelt worden. Erstens gab es im Dorf keinen Laden, der Müsli geführt hätte. Schon der Begriff des Müslis war völlig unbekannt. Zweitens wird frischgemolkene Kuhmilch binnen eines Sommertags sauer und meine Anwesenheit im Heimatdorf meines Vaters hatte vor allem den Zweck mein leichtes Untergewicht durch den regelmäßigen Genuß von kuhwarmer Milch zu bekämpfen. Drittens wäre mittelfristig der Schinkenspeck verdorben. Und viertens müssen die Ergebnisse der landwirtschaftlichen Produktion aus der Haltung von 10 Hühner, 2 Kühen und vier Schweinen ja dem Konsum zugeführt werden.

Zum Frühstück also gar es Schinkenspeck und Schwarzbrot, sowie ein Hühnerei. Mittags Schweinerenes und Kartoffeln. Abends wieder Schinkenspeck. Ich kann mich an Gemüse und Salate erinnern, wenn auch nur dunkel. Schinkenspeck war m.E. wesentlich.

Der Versuch, mir Onkel Peter beim Konsum von Bircher-Benner-Müsli, Grünkernbratlingen und Bionade vorzustellen, gelingt mir nicht. Die Einreichung eines Scheidungsantrags wäre völlig undenkbar gewesen, so daß das Bircher-Benner-Müsli als Denkunmöglichkeit einzustufen ist.

Daß der extensive Milch-, Fleisch- und Eierkonsum ihrer Familie, wie die Grünen behaupten, nur durch Massentierhaltung, Naturvernichtung, Arzneimittelmißbrauch etc. aufrechterhalten werden könne, hätte meine Tante Grete mit einem Kopfschütteln beantwortet. Daß Schweinekoteletts für die Klimakatastrophe veranwortlich sein könnten, hätte Tante Grete sinnlich-praktisch widerlegen können, der heutige Pächter ihres kleinen Landbesitzes. Dr. K (heutzutage ist Landwirtschaft eine Wissenschaft) könnte es agrarökonomisch agrarwissenschaftlich widerlegen.

Nun ja, die Grünen haben wohl in ihrer Mehrheit noch keine Kuh von nahem gesehen und schwadronieren gleichwohl über die per se schädliche Massentierhaltung. Der "Veggie-Day" findet sich im Programmkapitel "Massentierhaltung-nein danke!". Daß Massentierhaltung nicht per se  artungerecht ist (die häufig von mir gehüteten Kühe meiner Tante Grete hätten dieser These entschieden widersprochen), könnte man ja wissen. Es sei denn, man lebt in einer Altbauviertel-Maisonette im Grünwählerviertel und der eigene Kontakt mit der Tiernatur beschränkt sich auf das Bressehuhn vom Szenerestaurant und die Haltung einer Hauskatze.

Der politische Inhalt ist vielmehr höchst religiös-politisch. Daß diese Religion von der Präses der Synode der EKD vorgetragen wird, hat was. Ihre Kurzfassung ist jedenfalls einer religionswissenschaftlichen Analyse bestens zugänglich.
60 Kilo Fleisch verbraucht jede BürgerIn in Deutschland in jedem Jahr. 
Klassische Polemik. 60 Kilo Fleisch klingt richtig eklig. 164 Gramm pro Tag hörte sich ja ganz anders an. Aussage: Fleischessen as such ist sündhaft.
Wir wollen in unserem Land aber keine Massentierhaltung mehr. 
Interessanterweise enthält das Programm keine Definition, was denn unter Massentierhaltung zu verstehen sei. Ist schon jeder Laufstall "Massentierhaltung". Zurück zur vermeintlichen Idylle der Anbindehaltung? Das wäre nicht nur romantisch, sonder tierverachtend.
Wir schlagen den Veggie Day vor, nicht weil wir das Fleisch essen verbieten wollen, es geht nicht um eine Zwangsveranstaltung.
Ja, die Dialektik des Dementi.
Wir leben auf Kosten derjenigen, deren Existenzen bedroht sind, weil beispielsweise der Regenwald abgerodet wird. Ein wöchentlicher Veggie Day in den Kantinen wäre ein großer Schritt für die Beendigung der Massentierhaltung und für eine gesunde Ernährung.
Als ich politisch laufen lernte, teilte sich die Welt der politischen Aktivisten zwischen Autonomen und Müslis. Die theologisch-politischen Implikationen waren mir damals nicht bewußt. Daß der Erfinder des Müslis, der calvinistische Schweizer Arzt Maximillian Bircher-Benner keineswegs nur eine schmackhaftere und gesündere Art des Frühstücks erfinden wollte, sondern eine Lebensreform nach mönchischem Vorbild anstrebte, läßt sich an der therapeutischen Orientierung der von ihm betriebenen Klinik nachvollziehen. Thomas Mann hat seine Erfahrung in dieser Klinik literarisch in seinem "Zauberberg" verarbeitet. Die Klinik, so Thomas Mann, sei schlicht ein "hygienisches Zuchthaus".

Da schließt sich der Kreis. Schon Luthers Theologie der "innerweltlichen Askese" war ja eine mönchische Revolte gegen die katholische Lebensfreude der Renaissance. In seiner moralischen Empörung über den katholischen Leichtsinn seiner Zeit wollte Luther die ganze Welt in ein Kloster verwandeln.

Das war dann nun aber noch die Zeit, da die Protestanten noch mit demonstrativem Wurstessen gegen das katholische Fastengebot protestierten. Offenkundig strebt in grünprotestantischer Gestalt die evangelische Lebensreformbewegung ihrer endgültigen Vollendung entgegen. Erst Frau Göring-Eckardt durfte das Werk Luthers vollenden, und uns selbst das Wurstessen noch verbieten.

Kommentare:

  1. Das ist typisch Jurist: Das wichtige bemerkt er nicht (oder Unterdrückt er gar die Fakten?). Die belgischen Dudelsäcke sind aus Leder, daher Veganer-ungeeignet. Und nehmen wir jetzt an - was ja nicht unwahrscheinlich sein kann - die je 20 Liter Fassungsvermögen sind mit Rinderhack gefüllt - dann entspräche die Umweltbelastung durch Klangemission + CO2-Emission bei der Produktion ziemlich genau dem Wert von drei Bundestagsredner mit zusätzlich je 5 Akkordeons!

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    1. da ist das habituelle Hyperventilieren Grüner Politiker-innen, sobald ein Mikrophon in der Nähe ist, noch nicht mit eingerechnet. Das verschlechtert die Öko-Bilanz noch einmal drastisch. Eine ASU-Plakette würden sie jedenfalls nicht bekommen.

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  2. Zunächst: Ich finde dies Veggie-Day-Vorhaben wie vieles, was die Grünen heute verkünden, schlichtweg peinlich und bescheuert.
    Sodann: Dieser Artikel ist hochgradig polemisch und stellenweise schlicht falsch.
    Intensivtierhaltung, auch Massentierhaltung genannt, ist klar definiert. Daß das für Tiere nicht so richtig gesund ist, leuchtet ein. Ob es für Menschen gut ist, sich an den Anblick gequälter Tiere zu gewöhnen, wage ich zu bezweifeln.
    Daß ein so starker Fleischkonsum wie in Deutschland üblich nicht so besonders gesund ist, können auch Mediziner bestätigen, die keineswegs Vegetarier oder Veganer sind.
    Ob die sehr große Fleischproduktion unserer Zeit einen Einfluß auf das Klima hat, kann ich nicht beurteilen; daß sie einen Einfluß auf die Natur und damit auch auf die Lebensqualität von Menschen hat, ist klar. Es dürfte bekannt sein, daß für die riesigen Ställe der Intensivhaltung notwendig größere Landstücke plattgemacht werden müssen. Ein anderes Problem ist die Abholzung von Regenwald, um Rinderherden zu halten - diese zwar mit beliebig viel Freilauf, ich glaube, argentinischen Rindern geht es bis zur Schlachtung gut, aber die starke Abholzung ist in der Tat nicht gut. (Ich habe jetzt keine Lust, zu erklären, was der Regenwald und was die mitteleuropäischen Landschaften mit Lebensqualität zu tun haben; selbstverständlich ist es für Mitteleuropäer im Prinzip wurst, ob in Südamerika hie und da ein Kleinbauer enteignet wird oder die Schönheit eines sehr fernen Landes zugrunde geht, aber vielleicht interessiert es sie ja, ob es im Umkreis von hundert Kilometern noch irgendwie schöne Natur gibt, so mit Bäumen und Blumen und so.
    Daß täglicher Fleischkonsum nicht so besonders gesund ist, ist zwar kein politisches Argument, aber trotzdem nicht verkehrt. Daß ein starkes Einschränken des Konsums überhaupt und des Konsums tierischer Produkte insbesondere sinnvoll ist, sollte jedem klar sein, der bereit ist, darüber eine halbe Stunde am Stück nachzudenken.
    Zu dem Thema habe ich schon mal etwas geschrieben - ausgehend davon, daß mich fanatische Veganer und fanatische Verteidiger des unmäßigen Fleischkonsums genau gleich nerven.
    Ach übrigens: Es gibt ja auch noch Freitag. Und die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern. Und den Advent. Wenn die Grünen den Fleischverzicht als ihre Idee propagieren, ist das erkennbar Unsinn. Wenn Katholiken ihn als vollständig sinnlos von sich weisen, auch.

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    1. Und entschuldige den scharfen Ton und die Kommentarlänge, aber manchmal bin ich auch so.

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  3. @kalliopevorleserin: Um zu meiner Tante Grete zurückzukommen: die Kühe lebten im Winter im Haus, ein Niedersachsenhaus besteht ja zum größeren Teil aus einer Stallung. Dort waren sie Tag und Nacht über Monate angekettet. Dr. K. (gleichzeitig der Bürgermeister des Ortes) betreibt heute eine "Massentierhaltung" mit Laufstall und automatiiserter Melkstation. So in etwa 70 Kühe. Die Kühe können sich frei bewegen, werden gemolken, wenn sie das wollen und leben glücklich und zufrieden. Rindviecher sind Herdentiere, sie leben in der Natur in Herden von hunderten Individuen. Wenn man ihnen die Bewegungsfretheit und vor allem die Vereinigungsfreiheit nimmt, werden sie krank. Am Ende des Winters hatten die Kühe meiner Tante alle einen Hau weg. Wenn Du von den "riesigen Ställen" sprichst, hast Du offenbar noch keinen gesehen. Die durchschnittliche Herdengröße in der Bundesrepublik Deutschland (Milchvieh) liegt bei unter hundert Tieren, teilweise noch darunter. Die deutsche Milchwirtschaft ist mittelständisch geprägt. Was den Landschaftsverbrauch angeht: Laufställe nehmen in jedem Fall weniger Platz weg als dutzende Kleinställe. In der Fastenzeit dürfen wir noch Fisch essen. Sehr vernünftige Entscheidung, ernährungsphysiologisch gesehen. Die Grünen sind Veganer. Tote Tiere kommen nicht auf den Teller. Das unterscheidet Grüne und Grünprotestanten von Katholiken. Aber nicht nur das. Wir fast aus geistlichen Gründen, nicht aus leiblichen. Wir wollen nicht abnehmen, sondern zunehmen, an Heiligkeit nämlich.

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    1. Nur zu Deiner Information: Was Du als Massentierhaltung bezeichnest, ist keine (siehe - bitte, bitte - Definition von Intensivhaltung, oben verlinkt). Und noch eine Information: Ich hab mal Melken gelernt. Erst mit der Hand, dann mit der Maschine. Ich weiß, wie man einen Stall mistet, wie man Rüben zieht und auch wie man Tabak erntet und trocknet. Und ich weiß, was ein Laufstall ist - der hat mit Intensivhaltung im Sinne der og. Definition wirklich gar nichts zu tun.
      Ich habe riesige Ställe gesehen - und gerochen. Und ich habe große Laufställe gesehen, in denen es den Tieren wirklich gut geht. Also bin ich nicht so völlig unbeleckt von jeder Ahnung, wie Du mich offenbar gerne hättest.
      Übrigens werde ich als Katholikin nicht gezwungen, an allen Tagen außer Freitag Fleisch zu essen. Ich werde auch nicht genötigt, am Freitag Fisch zu essen.

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  4. Du willst mich nicht verstehen, nicht? Du bist gerne beleidigt, oder? Es geht nicht darum, was Massentierhaltung ist, sondern was die Grünen dafür halten. Daß die Menge des in Deutschland verkauften Fleischs aus Betrieben stammt, die der EU-Definition von Massentierhaltung nicht entsprechen, interessiert die Grünen nicht die Bohne. Die suchen nur nach Argumenten um uns zu schurigeln und zu bevormunden. Es macht sich halt gut, wenn man behauptet Fleisch, Eier und Milchproduktion gleich Massentierhaltung.

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    1. Bitte sage mir, an welcher Stelle ich die Grünen verteidigt habe.
      Ich zitiere mich selbst:
      "Ich finde dies Veggie-Day-Vorhaben wie vieles, was die Grünen heute verkünden, schlichtweg peinlich und bescheuert."
      Es geht mir nicht um die Grünen und ihren Veggie-Day, sondern es geht mir darum, daß man über Fleischkonsum und Tierhaltung sinnvoll nachdenken kann. Mit "man" meine ich explizit nicht die Grünen.

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  5. Ich würde ja gerne mal über Fischkonsum diskutieren. Nennt man uns nicht "Fischesser". Aber ich schreib mal nen Post.

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